Am 18. Oktober 2021 kam die Hiobsbotschaft. Den Betreibern der Schorre wurde gekündigt, es droht der Abriss des Gebäudes im kommenden Jahr. Entstehen sollen mutmaßlich Wohnungen. Damit kehrt eine Diskussion zurück, die bereits vor wenigen Jahren für einige Wochen die öffentliche Diskussion bestimmt hat. Schon damals drohte der Abriss des historischen Gebäudes. Heute scheint das Szenario ernster als je zuvor.

Hauptausschuss befasst sich mit Schorre

Aus diesem Grund hat sich am 20. Oktober 2021 auch der Hauptausschuss des Stadtrates mit der Zukunft der Schorre befasst. Im Mittelpunkt stand dabei unter anderem die Frage, ob, wann und mit welchem Inhalt die Stadt dem Eigentümer eine Genehmigung zum Abriss und zur Nutzungsänderung erteilt hat. Die Antwort war überraschend:

Nach Aussage der Stadtverwaltung hatte sie noch keinerlei Kontakt zum neuen Eigentümer der Schorre. Weder eine Genehmigung zum Abriss noch ein Antrag auf Nutzungsänderung wurde in den vergangenen Wochen gestellt. Ein Grund zum Aufatmen ist das aber noch nicht.

Der Beigeordnete Rebenstorf erklärte noch einmal ausführlich, dass das Gebäude zwar in einem denkmalgeschützten Bereich liegt, selbst aber kein Denkmal ist, da von der historischen Bausubstanz kaum noch Reste vorhanden sind. Geschützt sind damit derzeit nur die Bebauungsgrenzen und die Kubatur, also der umbaute Raum. Es ist damit möglich, das Gebäude komplett abzureißen und neu aufzubauen, wenn Länge, Höhe und Breite des neuen Gebäudes der heutigen Schorre entspricht. Solange sich das Gebäude in die Nutzung und bauliche Gestalt der Umgebung einfügt, bedarf es dafür nicht mal der Zustimmung der Stadtverwaltung. Es zeigt sich einmal mehr: Der Geburtsfehler liegt darin, dass vor mehr als zehn Jahren beim Verkauf der Schorre die kulturelle Nutzung nicht festgeschrieben wurde. Ohne den damaligen Verkauf hätte das Gebäude nach der Schließung wohl nie wieder geöffnet, eine Festlegung der Nutzung im Kaufvertrag hätte das heutige Problem aber vermutlich verhindert.

Eine Geschichte von SPD über Revolution bis Nirvana

Der Abriss des Gebäudes wäre ein Verlust für Halle, weil seine Geschichte ebenso bewegt ist, wie die Geschichte der Stadt selbst. Errichtet wurde die heutige Schorre im Jahr 1864 unter dem Namen “Müllers Bellevue”. Nach der Umbenennung in „Hofjäger“ war der Saal des Gebäudes im Jahr 1890 Schauplatz eines politischen Ereignisses, das Strahlkraft weit über die halleschen Stadtgrenzen hinaus besaß. Nachdem sie zwölf Jahre lang aufgrund der Sozialistengesetze verboten war, traf sich die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) zu ihrem ersten Reichsparteitag in Halle und gab sich den Namen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“. Das Gebäude in der Willy-Brandt-Straße 78 ist damit dauerhaft mit der Geschichte der ältesten Partei unseres Landes verknüpft.

Auch am 07. November 1918 ereignete sich in der Schorre Historisches. Vier Tage nach dem Kieler Matrosenaufstand erreichte die Novemberrevolution auch Halle. Im Hofjäger wurden die dort versammelten Offiziere der in Halle stationierten Fliegerersatzstaffel entwaffnet. Damit nahm das Ende des Kaiserreiches und der Beginn der ersten deutschen Demokratie im traditionell rot geprägten Halle in den Räumen der Schorre seinen Anfang.

Nach diversen Umbaumaßnahmen und der Nutzung als Jugendclubhaus fand die Schorre in den frühen 1990ern noch einmal eine völlig neue Nutzung. Wo einst August Bebel sprach, traten nach dem Fall der Berliner Mauer nationale und internationale Bands auf. Einige von ihnen sind bis heute ein fester Teil der neueren Musikgeschichte. Denkwürdig waren vor allem die Auftritte der damals noch unbekannten US-amerikanischen Bands Nirvana und Green Day oder von Rammstein.

Seit einigen Jahren lädt die Schorre junge Menschen wieder zum gemeinsamen Feiern ein. Sie ist damit ein Bestandteil der Jugendkultur in unserer Stadt. Sie nun in Wohnungen umzuwandeln, wäre für unsere Stadt ein schwieriges Signal. Viele Anwohnerinnen und Anwohner in vielen Teilen der Stadt beschweren sich – nachvollziehbar – über Lärm, den gemeinsam im Freien feiernde Jugendliche in den Nächten verursachen. Diesen jungen Menschen nun einen weiteren Ort des halleschen Nachtlebens zu nehmen, würde auch solche Probleme weiter verschärfen.

Für den Erhalt wurde mittlerweile auch eine Petition gestartet.